In der Mitte des 16. Jahrhunderts stabilisierten sich die Verhältnisse auf Samos und die noch vorhandene Bevölkerung konnte wieder besseren Zeiten entgegensehen. Nachdem mehrere Versuche einer Wiederbesiedelung erfolglos geblieben waren, steuerte der Sultan die Besiedlungspolitik in eine neue Richtung. So wurden dem damaligen Verwalter der Insel, Admiral Kilic Ali Pascha, lebenslang sämtliche Steuereinnahmen zugesichert. Innerhalb des Osmanischen Reiches wurde Samos autonom verwaltet. An der Wiederbesiedlung von Samos waren Nachfahren der nach Chios ausgewanderten Samioten maßgeblich beteiligt. Den Siedlern wurde im Gegenzug Landbesitz und Steuerfreiheit für sieben Jahre gewährt und der Insel anschließend eine reduzierte Gesamtsteuer auferlegt.
Sultan Suleimann (Der Prächtige)
Wiederbevölkerung
Admiral Kilic Ali Pascha hat ferner durch verschiedene andere Anordnungen des "Hohen Tores" (Bezeichnung für die damalige Regierung der türkischen Herrscher) besondere Privilegien für die Bewohner der Insel Samos erwirkt. Dieses System funktionierte mit zwei Unterbrechungen bis zur Revolution von 1821. In Folge des Russisch-Türkischen Krieges kam die Insel von 1771 bis 1774 zu Russland. 1807 bis 1812 führte ein Wechsel durch fortschrittliche Kräfte (Carmagnoles- auch Karmanioles genannt) für kurze Zeit zu Änderungen in der Verwaltung, der Steuer- und Wirtschaftspolitik.
Konstantinopel
Die Namen der verschiedenen Dörfer zeugen von der Herkunft der damaligen Kolonisten wie z.B. Mytilini (von der Insel Mytilene), Vourliotes (von Vourla Klein-Asien), Marathokampos, Pyrgos (von Marathokampos in Arkadien und von Pyrgos bei Elias Peloponnes, das Dorf Arvanites, was später den Namen Pandrosso (von Soulis) erhielt. Nach dem Tode von Admiral Kilic Ali Pascha im Juni des Jahres 1587 unterlag Samos der Aufsicht des jeweiligen Scheich-el-lslam und die Einnahmen gingen in die Kassen der Herrscher und ein Teil davon in die Moschee, die Kilitz in der Gegend von Chane bei Istanbul gebaut hatte.
Stadtplan Istanbul Mittelalterlicher Stadtplan von Konstantinopel - Fotoquelle: Wikipedia - gemeinfrei
Russisch-Türkischer Krieg (1768 - 1774)
Der Russisch-Osmanische Krieg von 1768 - 1774 (auch 5. Russischer Türkenkrieg genannt) war eine entscheidende Auseinandersetzung, als deren Ergebnis die südliche Ukraine, der Nordkaukasus und die Krim unter die Herrschaft Russlands kamen. Der Krieg wurde durch innere Unruhen in Polen ausgelöst, wo sich die Szlachta gegen den König Stanislaw August Poniatowski, den Günstling Katharina der Großen, erhob. Der König war auf Unterstützung der russischen Truppen angewiesen. Der russische Einfluss in Polen war den Türken schon seit längerem ein Dorn im Auge und sie wollten die Aufständischen unterstützen. Die Seeoperationen der russischen baltischen Flotte im Mittelmeer unter der Leitung des Grafen Alexei Orlow waren ebenfalls von Erfolg geprägt.
Während es den Russen gelang, in Syrien und Ägypten anti-osmanische Aufstände zu organisieren, vernichtete die russische Flotte den Großteil der türkischen Marine 1770 in der Seeschlacht bei Çeşme (Türkei - liegt unweit von Samos an der Küste Kleinasiens). Etwa um 1771 besetzten die Russen unter der Führung des Admirals Orloff die Insel Samos - begleitet von 20 Kriegsschiffen.
Zarin Katharina II. (Die Große) Fotoquelle: Wikipedia (Public Domain)
Frieden von Küçük Kaynarca
In ihrer Botschaft an die Christen im Osmanischen Reich hatte die Zarin Katharina die Große die Befreiung der Christen von der osmanischen Herrschaft angekündigt. Die Besetzung der Insel durch die russischen Truppen dauerte jedoch nicht lange. Am 21. Juli 1774 unterzeichnete das Osmanische Reich den Frieden von Küçük Kaynarca, nach dem das Krimchanat seinen Vasallenstatus der Pforte verlor und formell unabhängig wurde. In Wahrheit geriet es unter russischen Einfluss und wurde bald darauf annektiert. Russland erhielt außerdem eine Kriegsentschädigung von 4,5 Millionen Rubel und zwei strategisch wichtige Häfen am Schwarzen Meer. Ferner mußte Russland die schon eroberten Inseln der Ägäis - auch die Insel Samos war hiervon betroffen - wieder an die "Hohe Pforte" abtreten. Als Ergebnis des Russisch-Türkischen Krieges konnten im Friedensvertrag von Küçük Kaynarca vorteilhafte Bedingungen für die Seefahrt und den Handel erreicht werden.
Seeschlacht Fotoquelle: Wikipedia - gemeinfrei
Freier Handel
Kaufleuten von der Insel Samos war es möglich, die Hauptprodukte Olivenöl und Wein zuerst in den Häfen von Smyrna (Izmir) und Konstantinopel, später auch in Russland und Ägypten und zum Ende des 18. Jahrhunderts auch in Europa, vorwiegend in Frankreich, zu handeln. Durch die Kontakte mit den europäischen Häfen griffen Kaufleute die fortschrittlichen Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution auf und verbreiteten sie. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert orientierten sich die am Meer entstandenen Siedlungen am Handel und den Möglichkeiten, die die Lage am Meer bot. Eine dieser Siedlungen war der Hafen von Samos (Limin Vatheos), wo sich hauptsächlich Kaufleute von den ionischen Inseln niederließen.
Samos-Stadt Blick über die Bucht von Samos-Stadt
Die Befreiungskämpfe
Schiffseigner und Kaufleute waren auch am Warenaustausch mit einheimischen Händlern und Landwirten interessiert, was aber vom bestehenden System unterdrückt wurde. Durch den Kontakt mit den Kaufleuten formierte sich eine Gruppe, sogenannte Carmagnoles, die fortschrittliche Ideen unterstützte und das bestehende System bekämpfte. Sie vertraten die Ideale von freien und gebildeten Menschen, die sich in einer demokratischen Gesellschaft verwirklichen können. Gegenspieler waren konservative Kräfte, sogenannte Kallikantzari, die am bestehenden System festhielten und mit der türkischen Administration der Insel zusammenarbeiteten. Der intensive Konflikt zwischen Carmagnoles und Kallikantzari in den sozialen und politischen Auseinandersetzungen dauerte viele Jahre und endete mit dem Sieg der Carmagnoles, die von 1807 bis 1812 das bestehende System umgestalteten. Eine demokratische Versammlung entschied über politische Belange.
Die politischen Ziele waren Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit, Solidarität und Volksherrschaft, ihr Führer war Georgios Logothetis. Die Carmagnoles wurden 1812 entmachtet, Logothetis verfolgt. In der Revolution von 1821 übernahm er wieder eine führende Rolle auf der Insel.
Lykourgos Logothetis
Londoner Protokoll
Im griechischen Freiheitskampf ab 1821 errangen die Griechen hier unter Kanaris einen bedeutenden Seesieg über die Osmanen (1824). Nach dem Londoner Protokoll von 1827 wurde Samos 1830 den Osmanen zurückgegeben und am 11. Dezember 1832 zur Hauptstadt eines tributpflichtigen Fürstentums gemacht. Die Insel gehörte ab 1832 in relativer Unabhängigkeit zum türkischen Vilajet Dschesair. Die Verwaltung wurde der Insel übertragen. Sie war jedoch an die Zahlung von Zöllen an die Türkei gebunden. Samos wurde am 11. August 1904 von einem schweren Erdbeben mit der Stärke von 6,2 auf der Richter-Skala erschüttert: das Erdbeben kostete vier Menschenleben und zerstörte 540 Häuser auf der Insel.
Pythagorion Logothetis-Burg in Pythagorion
Themistoklis Sophoulis (1860 - 1949)
1907 und 1908 rebellierten die Einwohner von Samos. Der damalige Herrscher - Fürst Andreas Kopasis - der eine anti-griechische Haltung hatte, wurde am 22. Mai 1912 ermordet. Sein Nachfolger war der pro-griechisch eingestellte Gregory Vegleris. Im Mai 1912 zogen sich die türkischen Truppen von der Insel zurück, als der Krieg gegen Italien ausbrach. Unter Themistoklis Sophoulis (1860 - 1949) rebellierten die Griechen erneut und Vegleris musste fliehen. Am 11. November 1912 erfolgte die Proklamation des Anschlusses von Samos an das Königreich Griechenland. Themistoklis Sophoulis - ein Sohn der Insel Samos - wurde im Jahre 1860 in der Hafenstadt Vathy geboren und verstarb 1949 in Athen.
Themistoklis Sophoulis (1860 - 1949) Statue des Freiheitskämpfers am Hafen von Samos
Studium der Philosophie und Archäologie
Sophoulis war u. a. ein Kämpfer der Freiheit für die Insel Samos, später Abgeordneter und Vorsitzenden der Liberalen Partei Griechenlands. In Folge wurde er mehrfach Ministerpräsident und Parlamentssprecher. Schon sein Vater Panagiotis Sophoulis soll sich im Kampf um die Autonomie von Samos einen Namen gemacht haben. Sophoulis absolvierte ein Studium der Philosophie und Archäologie an verschiedenen Universitäten Griechenlands. Er arbeitete einige Jahre als Archäologe in Griechenland und verfasste einige fachwissenschaftliche Abhandlungen. Im Jahr 1900 beendete er nach der Wahl zum Abgeordneten im Parlament von Samos seine Tätigkeit als Archäologe. Nach dem Anschluss der Insel Samos an das Königreich Griechenland (2. März 1913) blieb Sophoulis für eine Weile als Präsident der Übergangsregierung von Samos. Im April 1914 wurde er zum Generalgouverneur von Mazedonien berufen.
Insel Samos 1912 Versammlung in Vathy - Bildquelle: Wikipedia (Public Domain)
Er blieb in Thessaloniki bis zum Februar 1915. Nach dem Rücktritt des Ministerpräsidenten der Gegenregierung in Thessaloniki - Eleftherios Venizelos - und nach der Flucht ins Exil des griechischen Königs Konstantin I., konnte er nach Athen zurückkehren, wo Sophoulis Sprecher des Parlaments wurde. Er hielt seinen Posten bis 1920. Nach dem Venizelos nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen von 1920 ins Exil nach Paris ging, wurde er dessen Nachfolger als Vorsitzender der Liberalen Partei. In Folge bekleidete er mehrfach das Amt des Ministerpräsidenten des Landes. Themistoklis Sophoulis starb am 24. Juni 1949 in Athen während seiner Amtszeit als Ministerpräsident, wenige Monate vor dem Ende des Bürgerkrieges.
Themistoklis Sophoulis (1860 - 1949) Statue am Hafen von Samos
Balkankriege (1912 - 1913)
Als Ergebnis derzwei Balkankriege (1912 - 1913) wurde Samos 1913 Teil von Griechenland. In diesem Jahr wurde Konstantin I. König von Griechenland. Im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) blieb Griechenland zunächst neutral, trat dann aber nach der von den Alliierten erzwungenen Abdankung von König Konstantin I. 1917 in den Krieg gegen die Mittelmächte und deren Verbündete, insbesondere Bulgarien und das Osmanische Reich, ein. Nach dem Krieg versuchte man mit Billigung der Siegermächte die Niederlage des Osmanischen Reiches zu nutzen, um außer dem von Bulgarien gewonnen Westthrakien auch Ostthrakien und das mehrheitlich von Griechen bewohnte Gebiet um Smyrna (das heutige Izmir) unter griechische Kontrolle zu bringen. Doch 1922 endete der Griechisch-Türkische Krieg mit einer deutlichen griechischen Niederlage - die sogenannte „Kleinasiatische Katastrophe“. Die Musik und die Fotos auf dem Video erinnern an diese schwere Zeit.
Ende des II. Balkankrieges Das Plakat hält das Neue Griechenland nach dem griechischen Sieg im 2. Balkankrieg fest - Bildquelle: Wikipedia (Public Domain)
Vertrag von Lausanne
Im Vertrag von Lausanne 1923 wurde ein Bevölkerungsaustausch vereinbart: Alle noch in großen Teilen der Türkei - viele aus der Pontus-Region und der größte Teil der aus Smyrna (Izmir) stammenden verstreut lebenden Griechen, mit Ausnahme der Istanbuler Griechen und einiger Griechen auf den Inseln Imbros und Tenedos - wurden nach Griechenland vertrieben (etwa 1,5 Millionen). Im Gegenzug mussten an die 500.000 meist türkische Muslime Griechenland verlassen, mit Ausnahme der Muslime in Thrakien. Die Flüchtlingsquote in Griechenland nach diesem Krieg betrug mit ca. 25 % wesentlich mehr als etwa in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerung Athens vervielfachte sich in kürzester Zeit. Die damaligen Ereignisse bedeuten für viele Türken und Griechen bis heute ein unbewältigtes Trauma und sind eine Hauptursache für die teils immer noch schwelenden Ressentiments zwischen beiden Völkern, etwa auf der Insel Zypern. 1925 wurde kurz über eine Unabhängigkeit der Insel Samos nachgedacht.
Smyrna (Izmir) Antike römische Agora in Smyrna - heute Izmir (Türkei) - Bildquelle: Wikipedia - Autor: CenkX - Lizenz s.u.
II. Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel durch italienische Truppen besetzt. Am 30. August 1943 wurden in Kastania 27 griechische Widerstandskämpfer (Andartes) durch deutsche Besatzungstruppen hingerichtet. Die Städte Samos und Pythagorio wurden im November 1943 durch deutsche Fliegerstaffeln bombardiert. Die Insel wurde im weiteren Verlauf von den Engländern besetzt und dann von einer Kompanie Brandenburger zurückerobert. „Brandenburger“ war die Bezeichnung für Angehörige einer Spezialeinheit des Amtes Ausland/Abwehr der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges, zu deren Hauptaufgabe Operationen hinter den feindlichen Linien gehörten. Diese hatten die überraschende Einnahme operativ wichtiger Angriffsziele, Sabotage oder die Kooperation mit verbündeten politischen Gruppierungen zum Ziel. Das nebenstehende Foto zeigt das Mahnmal von Kalavitra, einem Ort in Griechenland, dessen Geschichte Sie hier abrufen können!
Mahnmal in Kalavitra Mahnmal zum Massaker des 13. Dezember 1943 durch deutsche Truppen in Kalavitra - Fotoquelle: Wikupedia - Autor: Konstantinos Dafalias - Lizenz s.u.
Griechischer Bürgerkrieg
Der Zweite Weltkrieg ging in Griechenland nach dem in den Bergen geführten Kampf zwischen EDES und ELAS und der Schlacht um Athen fast direkt in den Griechischen Bürgerkrieg über. Im Sinne eines strikten Antikommunismus blieben noch bis in die 1960er Jahre viele bürgerliche Freiheiten eingeschränkt, was die NATO jedoch nicht davon abhielt, Griechenland 1952 aufzunehmen und so strategisch im Westen zu verankern. 1981 wurde Griechenland Mitglied der EWG. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung wurde durch die EWG-Hilfsgelder (unter anderem für die Landwirtschaft) gefördert, doch der Abstand zu den entwickelteren EWG-Staaten blieb bestehen.
Griechenland ...blau unterlegt die Inseln Samos und Ikaria - Bildquelle: Wikipedia - Autor: Felipealvarez
Europäische Gemeinschaft
Die aktuelle Verfassung Griechenlands trat am 11. Juni 1975 in Kraft, wurde jedoch 1986 und nochmals 2001 grundlegend reformiert. Sie definiert Griechenland als parlamentarische Republik nach sozialen und rechtsstaatlichen Prinzipien. Der amtierende Staatspräsident Griechenlands ist seit Januar 2005 Karolos Papoulias. Am 6. Oktober 2009 ist Georgios Papandreou als Premierminister vereidigt worden. Der Dienstleistungssektor ist der größte und wichtigste Wirtschaftssektor in Griechenland. Er erwirtschaftete im Jahr 2004 71,4 % der griechischen Wirtschaftsleistung. An zentraler Stelle steht hier u.a. die Tourismusbranche, die auch auf der Insel Samos einen der größten Witschaftsfaktoren darstellt.
Athen Akropolis in Athen - Bildquelle: Wikipedia - Autor: Fantasy - Lizenz s.u.
Quellenangabe:
Einige Textinhalte zur Historie der Insel Samos basieren auszugsweise auf dem Artikel Samos (Stand vom 17.09.2008) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen mit den Fotos "Mahnmal zum Massaker des 13. Dezember 1943 durch deutsche Truppen in Kalavitra - Autor: Konstantinos Dafalias" - "Samosgrecia - Autor: Felipe Alvarez" - "Stadtplan von Istanbul",- "Lykourgos Logothetis", - "Seeschlacht", - "Akropolis in Athen - Autor: Fantasy", - "Zarin Katharina II." und "Antike römische Agora in Smyrna - Autor: CenkX " unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. Diese Dateien sind lizenziert unter der Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 und unter der Creative Commons-Lizenz „Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported".